
Michael
Gasiorek
Weltachsschmierer
Die bayerische
Verwaltung ließ auf einem kleinen Felsentisch eine Landmarke setzen,
um die Umgebung typografisch vermessen zu können. An sich nichts außergewöhnliches.
Doch der Mundartdichter Paul Münch (1879-1951) machte hier in einem
Gedicht die Achse der Welt daraus.
Mer
Pälzer un die Weltachs
Von
Paul Münch
Wann
jemand uf de Infall käm,
Die Achs vun unserem Weltsyschtem
Genaa un dipplich auszurechne
Un in die Landkart inzuzeechne,
Do käms eraus, daß akkurat
Im Mittelpunkt vum Pälzer Staat
Der Punkt leit, der wo ganz gewiß
Die Hauptsach uf‘em Weltall is
Der Punkt, wo alles sich drum dreht,
Was uf der weite Welt besteht.
Do werd die Weltachs ingeschmeert
Un ufgebaßt, daß nix passeert,
Was in de Weltelaaf am End
E kleeni Steerung bringe kennt.
Schun seit der Herr die Welt gebaut,
Is uns die Weltachs anvertraut,
Weil meer von alle Menscherasse
For so e Amt am beschte basse.
Mer bassen uf mer halten Wacht,
Mer gewen Dag und Nacht druf acht,
Daß niemand kummt un will se stehle.
Mer schmeere se un dun se öle
Un butzen se als glitzeglatt
Mit Glaspapier un Butzpumad.
Drum dreht sich a wie selbschtverständlich
Die Weltachs ewig un unendlich.
0 weh! Wär das e Schlag,
Wann plötzlich ame scheene Dag
Mer Pälzer Leit de Rappel kräte
Un mir nix, dir nix streike däte!
Das Unglick wär nit auszumole:
Do dät uns alle de Guguck hole:
Die Erd, die Sunn, de Mond un alles,
Das krät am selbe Dag de Dalles.
Im ganze Weltall dät's do bollere
Un alles durchenanner kollere.
Do gäb's ee Riesekuddelmuddel,
Die Milchstroß gäb e Mordsgeschnuddel
Un all des scheene Schöpfungs-Sach
Hätt alles rutzebutz die Krach.
Un drum sat unser Hergott a
Schun glei am vierte Schöpfungsda':
"So", sa't er, "Mond un Stern un Sunn
Die drehe sich un glitzre schun,
Mei Weltachs schnerrt,
's is grad e Spaß,
Als wie e Triller uf de Gass.
Jetzt braicht ich Mensche, wo's verstehn
mit meiner Weltachs umzugehn,
Wo Kerl sin erschter Qualidät
Un Riese an Gescheidigkeet,
Mit Hern im Kopp, mit Pflicht und Ehr,
Korzum! Die Pälzer missen her,
Die missen dann die Weltachs schmeere
Un's Kugellager repareere."
"Un" - sa't er - "dann werd's ingericht,
Daß alles in der Weltgeschicht
Beim Pälzer Volk im Pälzer Staat
Sein Ursprung un sein Fortgang hat."
So sat'er. Un so is es kumm.
Un um die Weltachs runderum,
Do hockt seit viele dausend Johr
Sei Pälzer Volk un sorgt defor
Bei Dag un Nacht un frih un spät,
Daß Gottes Weltplan richtig geht,
Un daß es Weltall werd gelenkt,
So wie sich's Gott hat ausgedenkt.
Un was nit in der Palz bassiert,
Is Newesach un hat kee Wert.
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In
Waldleiningen wird
die Weltachse ingeschmeert,
un ufgebaßt, dass nix passeert!

Tief
im Wald, zwischen Waldleiningen und Johannieskreuz, auf
dem 459 Meter hohen "Roßrück", liegt ein riesiger Sandsteinklotz
mit der Inschrift: "Do werd die Weltachs inngeschmeert - unn uffgepasst,
dass nix passeert"! - die Weltachs
(Für Nicht-Pfälzer: "Hier wird die Weltachs eingeschmiert und aufgepaßt,
daß nichts passiert").
Wenn
man den Worten des Heimatdichters Paul Münch glauben will, befindet
sich hier der Mittelpunkt der Welt und die Pfälzer, hier die Waldleininger
Bürger, sind für die ordentliche Schmierung der Weltachse zuständig.
Bei
den Waldleininger wird die Zeremonie als "Weltachsölung"
bezeichnet oder in pfälzischem Dialekt als "die Weltachs inschmeere"
genannt.
Die
Gepflogenheit geht auf eine Art regionalen Mythos zurück, den Paul Münch
(1879-1951), ein sehr bekannter und renommierter Heimatschriftsteller
der Pfalz, geschaffen hat. Der originelle und dichterisch fruchtbare
Einfall, der sein Hauptwerk, die "Pälzisch Weltgeschicht"
geprägt von Humor und Ironie , besteht darin zwanzig weltgeschichtliche
bedeutsame Ereignisse in die Pfalz zu verlegen - die so zum Zentrum
der Welt und zur Wiege der Menschheit wird.
Die
Schmierung der Weltachse, die verantwortungsvolle Aufgabe, längst zur
Tradition geworden, geht zurück in das Jahr 1964. Die Liebe der
Pfälzer zu ihrer Heimat, der ihr ganzer Stolz gilt, drückt sich auch
in einer schönen Passage der "Pfälzer Weltgeschicht" aus,
die Anfang der Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen in Waldleiningen
lebenden Forstmeister dazu anregte, in den Wäldern Waldleiningens das
Kulturdenkmal zu errichten.
Seit
der Einweihung im Jahre 1964 gehört die "Weltachs" zum festen
Bestandteil jeder offiziellen "Weltachsölung", bei der die
komplette Verspassage aus der "Weltgeschicht" rezitiert wird.

Weltachsschmierung am 03.04.2004. unter
Teilnahme einer
Seniorengruppe aus Mutterstadt
Weitere Informationen und
Terminabsprache für eine geführte Wanderung zur Weltachs mit Ölung bei:
Ortsbürgermeister
Michael Gasiorek
E-Mail: mail@michaelgasiorek.de
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